Lernen in Second Life

Ich beschäftige mich aktuell mit der Gestaltung von Trainings in 3D-Welten generell und speziell mit der Konzeption von Orientierungsbereichen für Second Life Anfänger. Gerade die ersten Minuten in einer immersiven 3D-Umgebung sind für den sogenannten „Newbie“ verwirrend und herausfordernd, da er wie ein Baby selbst einfachste Dinge wie z.B. laufen und sprechen erst lernen muss. Deshalb ist auch intuitive, klare Orientierung und ein vorgegebener Pfad für die Vermittlung der ersten Schritte zu empfehlen, wie z.B. auf der Orientierungsinsel von Ben & Jerry’s:

Große, aufwendig gestaltete Plakate auf dem klar abgegrenzten Lernpfad von „Ben & Jerry’s“

Bei der Gestaltung von Lernpfaden (und generell allen Räumen) in 3-D Welten kommt es zum einen darauf an, Wissen mithilfe von Metaphern aus der realen Welt zu vermitteln (nicht aus der Software-Welt) und zum anderen, bei der räumlichen Gestaltung den Besonderheiten der virtuellen Welt gerecht zu werden.
Zwei Beispiele: Viele Präsenzen von Unternehmen in Second Life haben Straßen mit hohen Borsteinkanten – jeder Avatar läuft mit einem lauten „Klack“ dagegen oder muss sogar springen (wenn er weiß, wie das geht!). Oder Wendeltreppen, extrem beliebt: Man muss wahre Mausakrobatik beherrschen, um so eine Treppe überhaupt herauf zu kommen, wenn diese nicht mindesten einen Radius von 10 Metern hat.

„Es findet ein Wechsel von der Seitenmethapher des Internets (2D) zur 3D-Raummethapher des Metaverse statt. Der virtuellen Raum der 3D-Welt ist so zu gestalten, daß er den Nutzern Orientierungshilfe ist. Dabei kann innerhalb der virtuellen Welt auf das Erfahrungswissen aus der realen Welt zurückgegriffen werden.“ (Matthias Rückel im Live Online Collaboration Blog).

Deshalb finden lernpsychologische Erkenntnisse aus der realen Welt in immersiven 3D-Welten eher Anwendung als solche, die sich in der Gestaltung von Multimedia-Software oder Web-Applikationen bewährt haben.

Hier einige meiner Erfahrungen und Beobachtungen in Second Life:

  • Beobachtungslernen: In immersiven Umgebungen lernen Nutzer am schnellsten durch Lernen am Modell, also Lernen durch Beobachtung und Nachahmung
  • Handlungsorientiertes Lernen und Motivation durch Spaß, die in modernen Trainings und Seminaren zu optimalen Lernerfolgen führen, lassen sich in 3D-Welten optimal einsetzen, um komplexes Wissen in kürzester Zeit zu vermitteln
  • Medienbrüche vermeiden:
    • längere Texte auf Tafeln werden z.B. in Second Life ebenso wenig gelesen wie in der realen Welt (Bsp. Werbeplakate, Homepages): Kurze, prägnante Botschaften und anschauliche, unterstützende Illustrationen sind besser als umfangreiche Schrifttafeln

      Auf dem Orientierungspfad der TV-Serie „The L-Word“ : Kurze Texte, anschauliche Illustrationen

    • 2D-Elemente (z.B. HUDs – Heads-Up Displays), die über der 3D-Umgebung als zusätzliche grafische Bedieneroberflächen eingeblendet werden, nimmt der Nutzer nicht oder als störend wahr, da er seine Aufmerksamkeit meist vollauf auf das Sichtfeld des Avatars beschränkt (Die Aufmerksamkeit eines Nutzers in einer virtuellen 3D-Welt wie SL wird durch das Sichtfeld seines Avatars innerhalb dieser Welt gesteuert, da sich Menschen innerhalb weniger Sekunden in diesen „hineinversetzen“ und die eigene Position dort verorten, wo sich der Avatar befindet (vgl. Gehirn & Geist, S. 14, 11/2007). Der Effekt findet statt, sobald der Nutzer seinen Avatar und dessen Blickrichtung durch die Pfeiltasten erfolgreich gesteuert hat.)

Interessante Artikelreihe zu dem Thema von Matthias Rückel:
Gestaltung von Veranstaltungszentren in Second Life

Etwas älterer Artikel zum Thema von Markus Breuer aka Pham Neutra (Otherland Group):
Die Wichtigkeit von (offenem) Raum und ‚Natur‘ in in virtuellen Welten

2 Gedanken zu “Lernen in Second Life

  1. Matthias schreibt:

    Hallo, guter Post! Wie komme ich den an eine Ausgabe Gehirn & Geist, 11/2007? nach deren Webseite hatte 2007 nur 10 Ausgaben. Vielen Dank für einen Tipp. Matthias

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