Schöne Neue Welten: It’s Not a Game Console, It’s a Community


Nintendo Manager Reggie Fils-Aime, (l) President Nintendo America Inc. und VP Cammie Dunaway (r) demonstrierten auf der E3 das Gemeinschaftserlebnis der Wii-Spielkonsole (Bild: Standard.at)

Deutschsprachige Nachrichtenmagazine (z.B. Handelsblatt, Standard.at) berichten über die Veränderungen, die sich im Spielkonsolenmarkt vollziehen: Der Trend zum Social Gaming, angefeuert durch die seit letzem Jahr immer größer werdenen Beliebtheit von sozialen Netzwerken wie Facebook und MySpace sowie den Erfolg der Wii-Station, Nintendos „Familien-Konsole“ (s.u.). Der Trend andersherum: Mit dem Projekt TheGame08 ruft MySpace junge Entwickler in Ländern wie China, Japan, Korea oder Indien dazu auf, Applikationen für Casual Games zu programmieren, die dann auf der (Web-)Plattform integriert werden.
Außerdem gibt es kaum noch neue Spiele, die nicht hochrealisitisch, dreidimensional, online und Multi-Player sind.

Parallel dazu entstehen im Internet immer mehr virtuelle 3D-Welten, die sich im Gegensatz zu Vorreiter Second Life vor allem mehr als Teil des „normalen“ Webs verstehen und teilweise schon direkt im Web-Browser laufen. Diese neuen dreidimensionalen Web-Welten zeichnen sich vor allem durch folgende Merkmale aus:

  • Einfache, leichtgewichtige Technologie: man benötigt nur einen Web-Browser und ein Plug-In, das sich innerhalb von Minuten installiert
  • Niedrige Lerkurve: Im Gegensatz zu Virtuellen Welten wie Second Life kann man sich innerhalb von Minuten bewegen, unterhalten und mit ein paar Mausklicks eigene Räume gestalten
  • Integration in soziale Netzwerke: sie sind integriert in oder vernetzt mit bekannten sozialen Netzwerken wie Facebook, MySpace, YouTube, Flickr, AIM
  • Junge Zielgruppe: sie richten sich an „Tweens“ – junge Leute zwischen 13 und 26 Jahren
  • It’s social: Es geht praktsich nur um eins: Socializing – eine weitere Möglichkeit, Leute kennen zu lernen, sich auszutauschen, sich ein MySpace in 3D einrichten oder in 3D zusammen shoppen gehen

Beispiele hierfür sind Vivaty, Google’s Lively, Exitreality, 3B Rooms und Just Leap In – alle in Beta und außer Just Leap In momentan nur unter Windows lauffähig. Auch Lösungen, die nichts weiter als Adobe’s Flash Plugin benötigen, sind bereits am Start: z.B. WebFlock von ESC, einer der bekanntesten Virtual Worlds Agencys im internationalen Markt (Sebastian Küpers schrieb kürzlich darüber (englisch)). WebFlock soll die Entwicklung web-basierter virtueller Welten erleichtern, ist allerdings recht kostspielig (knapp 100.000 US$ Jahreskosten).

Zum Reinschnuppern: Hier mein virtual Office in Lively und ein Raum zum Experimentieren in Exitreality und ein Screenshot für Mac User (ja, ich bin auch einer, aber was tut man nicht alles):


Screenshot einer Lively-Szene in einem international besuchten Café

Nintendo, wegen der grafisch unterentwickelten „Mii“ Mini-Avatare gern von anderen Konsolenherstellern und Gamern belächelt, hatte mit der Wii-Familien-Konsole und deren „Casual Games“, die die ganze Famile vor den Fernseher rufen, durchschlagenden Erfolg. Sony will mit der lang angekündigten Playstation HomeOnline-Plattform für PS3 Besitzer Microsofts Onlinenetzwerk Xbox Live in den Schatten stellen. Wenn man sich die riesige, hochrealistische 3D-Welt anschaut, wird ihnen das evtl. auch gelingen…


Screenshot aus der aktuellen Beta-Version der Playstation(R)Home Plattform, in der sich PS3 Spieler treffen, miteinander spielen, chatten und shoppen gehen können. Eigener, individueller Avatar inklusive

Aktuelles Video eines „Developer Walkthroughs“ durch PS Home

Ein Trend, der sich also über die verschiedensten Plattformen – Web und Spielekonsolen – hinweg verbreitet und zu einer schier unüberschaubaren Zahl von unterschiedlichsten Shared Virtual Environments führt, die momentan alle nicht miteinander kompatibel sind (mal von Second Life und Open Grid abgesehen, aber das betrachte ich als eine Plattform).

Wer braucht schon 3D?

Diese Frage erinnert mich nur an Mitte der Neunzigerjahre, als einige Leute fragten: Wer braucht denn ein World Wide Web? Etwas später fragten sie dann „wer braucht denn Video im Web?“ und wieder später „Wer braucht denn Social Networks?“. Ach ja:“Wie will Google jemals Geld verdienen“. Meine Erklärung dazu schrieb ich Anfang Juli hier (englisch): Of course 3D will stick.

Kinder von heute wachsen mit Barbie Girls, Lego Universe, Virtual MTV und deren deutschen Derivaten auf, bedienen die Wii Station und deren Spiele ohne einen Blick ins Handbuch werfen zu müssen und sind es jetzt schon seit Jahren gewohnt, kleine pixelige Avatare durch fantasievolle Welten zu steuern. Teens und Twens lesen weder Zeitung noch gucken sie Nachrichten, stattdessen laden sie lieber selber Fotos und Videos, idealerweise vom Handy aus, in ihre „Community“ – auf SchülerVZ, Facebook oder in ihre eigene YouTube/MyVideo/MySpace Seite. Mit unzähligen Webtools kreieren sie ihre eigene chaotisch/kreative Welt, laden Freunde und Freunde von Freunden ein und chatten, simsen und messagen.

Keine Nachrichtenseite kommt heutzutage mehr ohne Video, Kommentare und „Bookmark/Sharing“-Funktionen aus.

Die User von morgen (und heute) lassen sich nicht mit Text-Chat abspeisen und einigen werden die vorgefertigten, restriktiven Baukästen, aus denen man sich etwas zusammen klicken kann nicht ausreichen. Sie wollen die dritte Diemnsion.

Die Baukästen und die Rollenspiele mit festen Regelwerken werden Millionen Anhänger behalten, aber das Web 2.0 ist nutzergeneriert und diese Freiheit, selbst Kreativer und Publisher zugleich zu sein, werden sich die nachwachsenden Generationen nicht mehr nehmen lassen.

Nur dass es dann nicht nur bewegt und hörbar, sondern auch mobil und 3D sein muss. Und natürlich: Immer und überall online.

Jeder wird „Content“ erstellen und verbreiten (und wenn es nur Buchtipps sind) – die Auswahl dessen und die Fähigkeit, vielen Menschen eine Art virtuelles Zuhause zu bieten, wo sie sich wohlfühlen und immer wieder gerne hinkommen, wird zukünftig eine immer größere Rolle spielen. Nicht Content, sondern Community und Identity is King – und ich denke, dass grenzenlose Freiheit bei der Erstellung des Contents und der Repräsentation seiner selbst (Avatare, Profil) ein Schlüssel zum Erfolg von solchen Community-Plattformen sein wird. (Das geht von einem Bild/Video/Musik-Mix bis hin zu eigenen Kreaturen und Universen, siehe z.B. das neueste EA-Spiel Spore, wobei hier noch Baukastenprinzip herrscht).

Und um sowohl die eigene Identität als als eigene Kreationen und das virtuelle Büro oder Zuhause nutzen und teilen/zeigen zu können, muss man sie natürlich „mitnehmen“ können. Wir brauchen also Gateways, standardisierte Übergänge zwischen Tausenden von verschiedenen virtuellen Welten – mindestens für den kleinsten gemeinsamen Nenner unserer Identität (Avatar und Profil) .

Stichworte hier sind Interoperabilität und Data Portability. Es gibt schon deutliche Anstrengungen in Richtung Vereinheitlichung und Akzeptanz von „social data“ wie z.B. OpenID, OpenSocial und die Dataportability Group. Da arbeiten viele gute Leute dran, unter anderem auch welche, die sich in Web 2.0 und Web 3D, namentlich Second Life, engagieren (z.B. Blogger und Entrepreneur Christian Scholz aka Mr. Topf) und somit die dritte Dimension im Blick haben, wenn es darum geht, 2D- und 3D Räume zu verbinden. Pixelsebi hat auch zur Dataportability in virtuellen Welten (englisch) ein paar interessante Gedanken zusammengetragen.
Ein interessanter Ansatz – evtl. als Zwischenlösung – ist auch Myrl, eine Website, die eine Art web-basiertes Bindeglied zwischen den vielen virtuellen Welten werden will (Liste der Welten).

Ich träume davon, dass ich irgendwann je nach Lust und Laune (oder Aufgabe und Ziel) zwischen den verschiedensten virtuellen Welten hin- und herspringen kann, ohne über Plattformen und Plug-Ins nachdenken zu müssen – denn das wichtigste ist, wen ich treffe und warum – nicht womit.

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